Wollt ihr die totale Verzweiflung?

Neben spontanen, dramaturgisch perfekt aufgebauten Wutausbrüchen und U-Bahn-Verkaufsgesprächen über Nagellack habe ich nun noch eine dritte Sache gefunden, die ich wahnsinnig gut kann. Einsame Seelen zusammen führen. Allerdings nur, wenn ich selbst nicht dazugehöre. Folgende Situation.

Eine gute, ich möchte an dieser Stelle anmerken: auch sehr schöne Freundin (das wird nachher noch wichtig) und ich hatten uns selbst die Aufgabe gestellt, in diesem Winter zwingend und unter allen Umständen eine Beziehung zu führen. Da mir eine genaue Monatsdefinierung vom Begriff „Winter“ fehlt, habe ich es bisher eigentlich ganz gut geschafft mir selbst vorzulügen, dass wir uns einfach in einem sehr kalten Herbst befinden und wäre unter Umständen vielleicht sogar in der Lage, diese Illusion bis Weihnachten aufrecht zu erhalten. Der allgemeinen Verzweiflung tut das natürlich keinen Abbruch und wenn ich von Verzweiflung spreche, dann bin sind wir über den Punkt der leichten Überreiztheit bei Männergeschichten anderer bei weitem hinaus. Wann immer eine Freundin eine Geschichte mit „Und dann habe ich mich gestern mit Jürgen/Dieter/diesemkrasslustigenundsympathischenmilliardärssohn getroffen“ beginnt, hält mich nur die Tatsache, dass ich beim Weinen krass beschissen aussehe, von herzzereissendem Aufschluchzen ab.

Ich mag zwar lächerlich oberflächlich sein, bin aber mittlerweile an einem Punkt in meinem Leben, an dem der Auserwählte nicht mehr zwingend aussehen muss wie Colin Farrell und auch Suchtprobleme sowie eine komplett abgefuckte Psyche nur noch optional sind (Ihr seid nicht medikamentös eingestellt? Sorry. Kein Interesse). Es kommt mittlerweile also durchaus zu der Situation, dass ich bei etwaigen Abendveranstaltungen auf Männer treffe, mit denen ich mir tendenziell vorstellen könnte, nackt in meiner Wohnung Playstation zu spielen. Ziehen wir davon die 99 Prozent ab, die sich in einer Beziehung befinden, bleibt immer noch ein Prozent tendenziell beziehungsbarer (das Wort gibt es, richtig?) Männer in Berlin.

Heute früh zum Beispiel, ich denke es war gegen 6 Uhr morgens, hatte ich tatsächlich jemanden erspäht. Er befand sich in einer Gruppe von drei Männern, wir waren drei Frauen und man hätte sich vielleicht irgendwie cool unterhalten können. Außerdem sah ich aus wie eine komplett geisteskranke Meth-Version von Cleopatra, war über und über mit goldenem Glitzerstaub bestreut und seien wir ehrlich: Selbst Stephen Hawking wäre vor mir in die Knie gegangen. Ich zwinge dem Testosteron-Konglomerat also ein Gespräch auf und folgende Dinge ereignen sich:

Typ 1, mit dem albernsten Namen der Welt und angestrengt wildem Haar, erzählt irgendetwas, dem ich mich nicht in der Lage sehe zu folgen, weil ich seinen vermeintlich attraktiven Kumpel anstarre, der hinter ihm sitzt. Währenddessen unterhält sich Freundin 1 (ich erwähnte sie bereits zu Beginn) fantastisch mit Typ 3, Typ 2 ist der VERMEINTLICH Attraktive und durch die mehrfache Erwähnung dieses Wortes schüre ich eure Erwartungen, was wohl noch so Unerwartetes geschehen mag. Sie verstehen sich tatsächlich so gut, dass erste Wetten dahingehend abgeschlossen werden, wann sie mit dem Rumknutschen anfangen. Mittlerweile fängt auch Typ 2 an zu reden und… Ok, folgendes. Es gibt einfach Leute, die ausschließlich dann ein schönes Gesicht haben, wenn ihr Mund geschlossen ist. Ich persönlich glaube, dass auch ich dazugehöre, allerdings sage ich zumindest nicht Dinge wie „Boah, ey, 2Pac ist der Beste. Ganz klar.“. Komplett ernüchtert und zunehmend verzweifelt, wende ich mich daraufhin wieder Freundin 1 zu, während Freundin 2 sich mit Erenian unterhält. Ich glaube das war der absurde Name. Oder Enreas.

Die emotionale Situation zwischen Freundin 1 und Typ 3 spitzt sich zu, innige Blicke werden ausgetauscht und wäre ich Sebastian die Krabbe und das Leben ein Disney Film, würde ich um die beiden herumschleichen und „Küss sie doch!“ singen. Weinend. Während ich in den Atempausen auf meinen Haarspitzen rumkaue und manisch blinzle. Der mit Augenbrauenstift aufgemalte Penis, mit Glitzerkleber-Ejakulat, den ich künstlerisch versiert auf ihren Oberarm gekritzelt habe, macht die Situation nur noch intimer. Das ist einfach Liebe.

Ich habe es also geschafft, durch ein aufgezwungenes Gespräch, das nur zum Ziel hatte, sich Tupac-Thorsten klarzumachen, die einzige Person zu verkuppeln, die meine Leidensgenossin in diesem kalten, bitteren Winter werden sollte. Wie sehr mein Unterbewusstsein mir meinen Selbsthass vor Augen zu führen versucht, ist mittlerweile weit über den Punkt der absoluten Lächerlichkeit hinaus. Ich spiele jetzt Mass Effect 2 weiter. UND AUCH DA HABE ICH ES BISHER NICHT GESCHAFFT, IRGENDEIN CREWMITGLIED KLAR ZU MACHEN.

Wütende Kleinwüchsige in Aspik. Mit Senf.

Ich glaube es ist die Hölle, mit mir in einem Vortragsteam zu sein. Es reicht nicht, dass ich Dinge immer erst auf den letzten Drücker machen kann und  trotzdem alles genau so haben will, wie ich mir das gedacht habe (Gruppenarbeit ist für schwache Menschen. Evolutions-Versager, die alleine nicht durchsetzungs-, geschweige denn überlebensfähig wären). Nein, ungefähr fünf Tage vor dem Referatstermin setzt bei mir außerdem die „Ich beschäftige mich jetzt mehr als oberflächlich mit dem Thema, stelle fest, wie sehr ich es hasse und kriege zwei bis 15 Wutanfälle, die sich nur durch Alkohol, Zigaretten und Playstation-Geballere mindern lassen“-Phase ein. Was für meinen Vortragspartner bedeutet, dass ich sie, gerne auch mitten in der Nacht, mit wahnsinnig wütenden Whatsapp-Nachrichten abfucke.

Kennt ihr diese Szenen in irgendwelchen dramatischen Action-Filmen, wenn kurz bevor die außerirdische Bedrohung den letzten Rückzugspunkt der Menschheit erreicht, alle Zugänge geschlossen werden? Diese Tore, die mit einem lauten Knall zugehen und jeglichem feindlichen Feuer oder irgendwelchen Urzeitmonstern standhalten? Gut. Die außerirdische Bedrohung ist der Referatsstoff, die Menschheit mein Gehirn. Ich weigere mich, auch nur das kleinste Bisschen Information aufzunehmen, werde stattdessen immer wütender und trete bühenreif Dinge um, die zumeist auch noch eine Kettenreaktion der Zerstörung auslösen. Meistens endet das mit kaltem Kaffee auf meinem dunkelblauen Teppich.

Es ist nicht so, dass ich es nicht verstehen KANN. Wenn ich will, kann ich mir die absurdesten Zahlenkombinationen der Welt über Jahre hinweg merken. Wenn ich will, kann ich sämtliche random generierten WLAN-Schlüssel meiner ehemaligen Wohngelegenheiten aufzählen.  Ich will aber nicht.

Mittlerweile glaube ich, dass das „Brain Unlocked“-Schild erst dann wieder aufleuchtet, wenn eine angemessene Aufbereitung des vorzutragenden Themas zeitlich eigentlich gar nicht mehr möglich ist. Umso absurder eigentlich, dass es mir keinerlei Probleme bereitet, schon eine Woche vorher erste Designvorschläge für die PowerPoint-Präsentation auszuarbeiten. Womöglich schlummert tief in mir eine Künstlerseele, die nur darauf wartet, ihr hässliches Haupt aus den Tiefen meines feisten Leibes zu erheben.

Eine Ausnahme des beschriebenen Wutstufen-Ablaufes wäre vielleicht dann denkbar, wenn das Thema direkt meinem Leben entnommen ist respektive auf den Punkt genau persönliche Interessen von mir trifft. Da ich bisher allerdings noch kein Referat über Alkoholmissbrauch oder Aggressionsprobleme mit eklatant häufig auftretenden Tobsuchtsanfällen halten durfte, bleibt dies eine reine Hypothese.