Gedanken aus dem Exil – mit Thomas Hayo und Colin Farrell (!!)

Behutsam puste ich den Staub von der Tastatur meines Laptops, der leise, beinahe fröhlich, gequietscht hat, als ich ihn aufklappte. Lange, so lange habe ich keinen Blogeintrag mehr auf ihm getippt. Stattdessen habe ich mich in die Wälder Brandenburgs zurückgezogen und mit Tieren gelebt. Monate, in denen ich kein einziges Mal meine Augenbrauen zupfen musste und mich ausschließlich von gepökelten Baumrinden und getrocknetem Moos ernährt habe. Es war so schön.

Nein, das war natürlich gelogen. In der Realität liege ich in irgendeinem elektrolythaltigen Sud, Stromschläge lassen meine Gliedmaßen zucken und nur der stetig nachsickernde Schaum vor meinem Mund gibt Zeugnis davon, dass ich noch am Leben bin. „Herzlich willkommen im vierten Semester, Sucker!“ steht auf einem schlecht bedruckten Spruchband über meiner sargähnlichen Kabine und ich frage mich, warum es nicht vom deutschen Staat gesetzlich festgelegt werden kann, dass jeder Mensch ohne das kleinste Bisschen an ästhetischem Empfinden zumindest Helvetica verwenden muss.

Auch das stimmt nicht, aber wir nähern uns der Wahrheit. Mein Studium frisst mich auf und der Stress fängt an, mich zu verändern. Ich liege lieber stundenlang im Bett und starre bewegungslos und ohne zu Blinzeln die Wand an, als am Wochenende durch die Clubs zu ziehen. Ich trinke morgens Earl Grey und grünen Tee, während ich unter Herzrhythmusstörungen panisch meine Mails checke und hoffe, dass niemand etwas von mir möchte. Ich besitze jetzt ein Handrührgerät.

Aus werbetechnischen Gründen hier ein Einschub: zwei wunderschöne Frauen und ich spielen hart besoffen Videospiele – die Sendung. „Wein und Wummen“ macht Peniswitze und ist im allgemeinen das investigativste und tiefschürfendste seit Kai Diekmanns letzter Darmspülung. Guckt es euch HIER an!

So viel zu den guten Nachrichten. Im Folgenden will ich euch stichpunktartig erläutern, was in den kommenden Monaten nicht passieren wird:

  1. Ich werde entgegen aller Gerüchte nicht mit Colin Farrell auf eine Pferde- und Alpaca-Ranch ziehen, nachdem wir in Kartoffelbrei (mit Stückchen) geheiratet haben. Wir haben uns einvernehmlich getrennt, nachdem er meine Liebe leider nicht erwidern konnte und mit der Kugel im Bein hätte er die Felder sowieso nicht bestellen können.
  2. Thomas Hayo hat sich bisher noch nicht dazu bereiterklärt, bei einer von mir geschriebenen Sendung über sein Leben mitzuwirken, in der er ausschließlich über sich selbst in der dritten Person spricht und auch seine Bauchbinden-Texte selbst schreibt.
  3. Ich werde nicht bei der diesjährigen Splash-Lesebühne wahnsinnig intime und interessante Dinge breittreten, weil ich viel lieber in der Uni hocken und Projekte präsentieren möchte. Sollte die Situation eskalieren und mehrere Tote fordern: das Spiel „Oblivion“ aus der Elder Scrolls Reihe ist schuld und sollte dementsprechend umgehend verboten werden.

Danke für die Aufmerksamkeit.

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T-Shirts, Tristesse und schlechte Alliterationen

Manche Dinge sollte man einfach mal machen. Zum Beispiel nach Jahren den alten Laptop aus dem Schrank ziehen und gucken, was da eigentlich alles so drauf ist. Neben der zutiefst verstörenden Erkenntnis, dass man sich damals anscheinend als Intimausschlags-Cosplayer auf die Straße gewagt hat (vielleicht löscht ihr eure alten Bilderordner auch einfach direkt, ohne auf die wahnsinnige Idee zu kommen einen Blick reinwerfen zu müssen), findet man manchmal aber auch längst verschollen geglaubte Kleinode wieder.

Es begab sich vor einigen Jahren, dass ich Vollzeit damit beschäftigt war, Texte zu schreiben. Wir saßen im Erdgeschoss und über uns wurden urbane Klamotten vertrieben, die Sentino Tränen der Andacht in die Augen getrieben hätten. Weil wir als Redakteure beim Füllen der Website natürlich nie genug zu tun hatten und unsere ausgedehnte Freizeit mit Dingen wie Nahrung zu sich nehmen oder in regelmäßigen Abständen die Toilette aufsuchen rumzukriegen versuchten, stieg eines Tages die Hoffnung auf ein besseres, produktiveres Leben aus dem ersten Stock herab. Mit einem Karton voller Marken-T-Shirts.

„Habt ihr Zeit? Könnt ihr da heute ein bisschen was für unseren Shop drüber schreiben?“, fragte die Lichtgestalt, die uns aus unserer Tristesse befreien wollte und mit glänzenden Augen willigten wir ein. Diese Produktbeschreibungsaufzeichnungen, zumindest die von mir, habe ich nun wiedergefunden und möchte sie an dieser Stelle mit euch teilen.

„Man denkt an England, man denkt an die königliche Familie und Camilla Parker-Bowles, man denkt an dieses Shirt. Mit nahezu royal anmutendem Print in Verbindung mit geschmackvollen Stickereien und trotzdem nicht aufdringlich präsentiert sich dieses Kleidungsstück aus 100 Prozent Baumwolle. Hip Hop und zugleich Queen Mum – was will man mehr?“

„Es ist schwierig geworden, heutzutage noch aufzufallen, hiermit schafft man es trotzdem. Die sowohl neonfarbene als auch expressionistische Graffiti-Optik dieses 100 Prozent Baumwolle-Shirts kann nur in’s Auge stechen. Weiterer Vorteil des knalligen Prints: ihr werdet, wenn ihr nachts die Straße überquert, nicht angefahren.“

„Die Bronx, irgendwann als Hip Hop noch lebte. Also, so richtig lebte. Ihr hört die sich nähernden Polizeisirenen, doch trotzdem macht ihr euer Tag noch souverän zu Ende, bevor ihr Bruce Willis-like von dannen rennt. Denn ihr seid cool. Zu diesem Feeling gibt es jetzt das passende Shirt mit fabelhaftem Aufdruck, das, man glaubt es kaum, auch noch aus 100 Prozent Baumwolle besteht. Es ist Graffiti, es ist Bronx und ihr könnt es auch sein!“

„Um die Spannung gleich rauszunehmen: dieses Shirt besteht wie nahezu alle hochwertigen ****-Produkte aus 100 Prozent Baumwolle. Der sich über die Brust erstreckende Aufdruck samt aufgenähten Lettern schmeichelt durch die harmonische Farbwahl aus Weiß, Gold, Silber und Grau dem Auge des geneigten Betrachters, doch es gibt noch mehr zu entdecken. So zum Beispiel dekorative Nähte und der verstärkte Nackenbereich. Für die ganz Harten unter euch.“

„Man denkt an langbeinige Schönheiten, Champagner und Pferde, wenn man dieses exorbitant geschmackvolle Polo-Hemd aus hundertprozentiger Baumwolle trägt. Braun und Weiß, eine der wohl zeitlosesten Farbkombinationen, gehen hier eine harmonische Verbindung ein mit großflächig aufgenähten Buchstaben, welche das Wort „Ecko“ bilden, samt bronzenen Nieten. Damit schleppt man auch Chiara Ohoven ab.“

„Als Rotgold, ja, beinahe Messing-haft möchte man den großzügig über die gesamte Front verteilten Schrift-Print bezeichnen. Von weitem wirkt dies nahezu arabesk, in jedem Fall sieht es nach Bling Bling aus und ist somit Hip Hop. Aufmerksamkeit der besonderen Art wird auch mit diesem 100 Prozent Baumwoll-Shirt dann zuteil, wenn ihr euch direkt in die Sonne stellt. Blinded by the light – probiert es aus!“

„Mädchen tragen Shirts mit Einhörnern, Jungs welche mit… Na? Richtig, Nashörnern und nackten Frauen. Ja, das passt fabelhaft zusammen, zumindest auf diesem Erzeugnis aus hundert Prozent Baumwolle. Der wertige Print in Lila, Grau, Hellblau und hellem Orange ist in jedem Fall ein Hingucker der besonderen Art. Titten, Tiere und der ****- Schriftzug: geil.“

„Diese Jacke mit beeindruckender Aufnähung ist schwer. Sehr schwer. Man könnte sich vorstellen, dass die Mafia ihre Schuldner in Zukunft mit diesem Hoodie in den Fluss wirft. Fifty Cent wäre mit dieser Oberbekleidung noch bullet proofer als sowieso schon. 100 Prozent Baumwolle, nur etwas für ganze Männer.“

Frauen, die auf Männer in Windeln starren

Mit letzter Kraft tippe ich diese Worte. Schleppend kriechen meine Finger von Taste zu Taste. Mir wird kalt. Ich huste. Mein Haar wirkt splissig. Doch ich muss mich mitteilen, denn große Dinge sind geschehen. Dinge, wie man sie sonst nur in Fancy Fetischblogs vom Vice Magazine präsentiert bekommt.

Es war schätzungsweise halb Neun Uhr morgens, die zauberhafte, sehr jung und frisch aussehende N. und ich waren mittlerweile am hysterisch-aufgekratzten Punkt chronischer Übermüdung angekommen und obwohl es kurz zur Debatte stand, mit abblätterndem Lidschatten und damenhafter Suff-Fahne brunchen zu gehen, entschieden wir uns doch für den Weg nach Hause. Mit der S-Bahn. Der Abend hatte sich, ihr werdet es an der bereits erwähnten Uhrzeit errraten haben, sehr lange hingezogen und beinhaltete neben zwischenmenschlichen Diffamierungen (Et tu, Christian? ET TU?) unter anderem eine hitzige Diskussion mit einem irischen Touristen über die Penisgröße von Colin Farrell, die ich souverän mit dem mehrfach getätigten Ausruf „I saw his sextape!!“ für mich entschied.

Wir hatten also bereits an der Prenzlauer Allee mit diesem Tag und vielleicht auch mit unserem Leben im Allgemeinen abgeschlossen und starrten mit glasigen Augen aus den dreckigen S-Bahn-Fenstern, als Unfassbares geschah. Ich weiß nicht ob ihr das kennt, dass man bei fortschreitender Müdigkeit manchmal nicht sicher ist, ob man sich Dinge einbildet oder sie wirklich passieren. Als also ein Mann Mitte Dreißig, Anfang Vierzig in meinem Blickfeld auftauchte der einen Schnuller trug, war ich kurz unsicher ob ich jetzt komplett wahnsinnig werde.

(kurzer Einwurf: ich setze heute sehr willkürlich Kommas, denn mein Körper stellt gerade nach und nach sämtliche Vitalfunktionen ein, während ich mich etwas hetze, um diesen Text rechtzeitig zu „Schwer verliebt“ fertig zu kriegen.)

Als wir erneut unauffällig in seine Richtung starrten, war der Schnuller spurlos verschwunden, der hochgewachsene WAHNSINNIGE (hier greife ich etwas vor) beschloss allerdings, sich auf die Sitzbank neben uns zu setzen. Es kam zu ungefähr folgender Konversation:

 

Gruseligertyp: „Habt ihr das schon mal gesehen? Also jemanden, der öffentlich Windeln trägt?“

(ungläubiges Starren meinerseits. Ich entdecke über dem Jeansbund den Rand einer pinken Windel mit irgendeinem bunten Kindermuster drauf.)

N.: „Also… Ähm. Nein.“

Gruseligertyp: „Meine Herrin hat mir das befohlen. Ich muss sie den ganzen Tag tragen.“

(meine Mundwinkel zucken unkontrolliert.)

N. (bewundernswert gefasst):  „Es fällt wirklich nicht so auf. Es könnte auch eine… lustige Unterhose sein.“

(ich starre mit weitaufgerissenen Augen aus dem Fenster.)

(allgemeines Schweigen. Wir müssen an der nächsten Station raus.)

Gruseligertyp: „Könntet ihr mich vielleicht was befehlen? Zum Beispiel, dass ich mir in die Windel pissen muss?“

Ich: „BITTE?“

(jetzt zuckt es auch in N.s Gesicht deutlich)

Gruseligertyp: „Einfach befehlen, dass ich in die Hose machen muss oder so.“

N. und ich verneinen und verlassen die Bahn. Erst beim Bäcker, der die trockenste Pide der Welt verkauft das ungenutzte Machtpotential der vergangenen Situation erkennend. Er hätte uns bei Media Markt Bügeleisen kaufen können. Wir hätten auf seinem Rücken nach Hause reiten können. Es wäre ein großer Spaß gewesen. Innerlich zerrissen lag ich anschließend im Bett und bin aus Ärger über die verkannte Situation fast mutwillig an bröseligem Schafskäse erstickt. VIELLEICHT NÄCHSTES WOCHENENDE!

Katzenminze – das Koks der Sozialphobiker

Wir waren vergangenen Sonntag auf einer Katzenschau. Ich schreibe bewusst „Schau“, denn die deutsche Sprache ist wunderschön und betont an dieser Stelle die tiefgreifende Dramatik des Dargebotenen. Eigentlich wollten wir zu mehreren Personen hin, je näher der Termin rückte, umso mehr reduzierte sich das Unternehmen auf den harten Katzenverachter-Kern. N. und mich.

Die Ausgangslage war die Folgende: Sonntagmittag. Unfassbarster Schneesturm seit Ewigkeiten. Minus Fünftausend Grad. Hart restalkoholisiert. Die Gewissheit, nachdem man mit dem REGIONALEXPRESS in Rangsdorf angekommen ist, noch 1,9 Kilometer durch die geschlossene Schneedecke bis zum Hotel Seebad Casino (…) stapfen zu müssen. An dieser Stelle erwähne ich es noch mal: Es hat sehr stark geschneit. Warum wir das alles auf uns genommen haben, wenn wir Katzen doch so wahnsinnig scheiße finden? Tja. Manche Dinge hasst man so sehr, dass man auch wieder anfängt sie zu lieben. Zum Beispiel schlechte Groschenromane, in denen Ärzte ihre Schwägerin für die Arzthelferin verlassen, die ständig mit bebender Brust irgendwo steht und errötet.

Wir waren also dementsprechend euphorisch, als wir uns Meter um Meter mehr von der Zivilisation entfernten – ein garstiger Beobachter würde vielleicht behaupten, wir haben hysterisch gelacht und dabei geweint, weil wir unsere letzten Hirnzellen wenige Stunden zuvor an der Bar unseres Vertrauens gegen Bier getauscht hatten. Irgendwann im „Casino“, ich glaube so wird es unter Rangsdorf-Kennern wissend genannt, angekommen, wurden wir dann wie wahre Katzenprinzessinnen unentgeldlich an der Kasse durchgewinkt und betraten die heiligen Hallen.

Es roch nach nassem Fell, ungewaschenen Sozialphobikern und Katzenscheiße. Menschen bürsteten motzige Perserkatzen. Russen und Franzosen teilten sich Plätzchen neben Katzenminze-Beuteln. Mitvierzigerinnen mit irren Augen schlugen ihren Tieren manisch Stäbe mit Flußen an der Spitze ins Gesicht – ein Ritual, was bei den Jurybewertungen wiederholt wurde und anscheinend elementar wichtig für die Qualitätseinordnung einer Rassekatze ist. In einem Satz: Es war wundervoll.

Auf dem Heimweg, und man möge es nicht glauben, der Schneefall hatte sich noch verstärkt, waren wir dann deutlich weniger euphorisch. Vielleicht, weil der Alkohol mittlerweile vollständig aus unserem Blutkreislauf verschwunden war, eventuell lag es aber auch an dem Typ, der mit uns im Abteil saß und dessen riesige Schusswaffe locker lässig aus seiner Jackentasche ragte. Bestimmt war es ein sehr leger angezogener Polizist im Dienst. Bestimmt. Wer noch mehr beeindruckende Bilder von der Schau sehen möchte, die anscheinend vom Katzenverein CRYSTAL PALACE CATS ausgerichtet wurde, der klicke HIER und labe sich an den wunderschönen Fotos der zauberhaften N.

Wollt ihr die totale Verzweiflung?

Neben spontanen, dramaturgisch perfekt aufgebauten Wutausbrüchen und U-Bahn-Verkaufsgesprächen über Nagellack habe ich nun noch eine dritte Sache gefunden, die ich wahnsinnig gut kann. Einsame Seelen zusammen führen. Allerdings nur, wenn ich selbst nicht dazugehöre. Folgende Situation.

Eine gute, ich möchte an dieser Stelle anmerken: auch sehr schöne Freundin (das wird nachher noch wichtig) und ich hatten uns selbst die Aufgabe gestellt, in diesem Winter zwingend und unter allen Umständen eine Beziehung zu führen. Da mir eine genaue Monatsdefinierung vom Begriff „Winter“ fehlt, habe ich es bisher eigentlich ganz gut geschafft mir selbst vorzulügen, dass wir uns einfach in einem sehr kalten Herbst befinden und wäre unter Umständen vielleicht sogar in der Lage, diese Illusion bis Weihnachten aufrecht zu erhalten. Der allgemeinen Verzweiflung tut das natürlich keinen Abbruch und wenn ich von Verzweiflung spreche, dann bin sind wir über den Punkt der leichten Überreiztheit bei Männergeschichten anderer bei weitem hinaus. Wann immer eine Freundin eine Geschichte mit „Und dann habe ich mich gestern mit Jürgen/Dieter/diesemkrasslustigenundsympathischenmilliardärssohn getroffen“ beginnt, hält mich nur die Tatsache, dass ich beim Weinen krass beschissen aussehe, von herzzereissendem Aufschluchzen ab.

Ich mag zwar lächerlich oberflächlich sein, bin aber mittlerweile an einem Punkt in meinem Leben, an dem der Auserwählte nicht mehr zwingend aussehen muss wie Colin Farrell und auch Suchtprobleme sowie eine komplett abgefuckte Psyche nur noch optional sind (Ihr seid nicht medikamentös eingestellt? Sorry. Kein Interesse). Es kommt mittlerweile also durchaus zu der Situation, dass ich bei etwaigen Abendveranstaltungen auf Männer treffe, mit denen ich mir tendenziell vorstellen könnte, nackt in meiner Wohnung Playstation zu spielen. Ziehen wir davon die 99 Prozent ab, die sich in einer Beziehung befinden, bleibt immer noch ein Prozent tendenziell beziehungsbarer (das Wort gibt es, richtig?) Männer in Berlin.

Heute früh zum Beispiel, ich denke es war gegen 6 Uhr morgens, hatte ich tatsächlich jemanden erspäht. Er befand sich in einer Gruppe von drei Männern, wir waren drei Frauen und man hätte sich vielleicht irgendwie cool unterhalten können. Außerdem sah ich aus wie eine komplett geisteskranke Meth-Version von Cleopatra, war über und über mit goldenem Glitzerstaub bestreut und seien wir ehrlich: Selbst Stephen Hawking wäre vor mir in die Knie gegangen. Ich zwinge dem Testosteron-Konglomerat also ein Gespräch auf und folgende Dinge ereignen sich:

Typ 1, mit dem albernsten Namen der Welt und angestrengt wildem Haar, erzählt irgendetwas, dem ich mich nicht in der Lage sehe zu folgen, weil ich seinen vermeintlich attraktiven Kumpel anstarre, der hinter ihm sitzt. Währenddessen unterhält sich Freundin 1 (ich erwähnte sie bereits zu Beginn) fantastisch mit Typ 3, Typ 2 ist der VERMEINTLICH Attraktive und durch die mehrfache Erwähnung dieses Wortes schüre ich eure Erwartungen, was wohl noch so Unerwartetes geschehen mag. Sie verstehen sich tatsächlich so gut, dass erste Wetten dahingehend abgeschlossen werden, wann sie mit dem Rumknutschen anfangen. Mittlerweile fängt auch Typ 2 an zu reden und… Ok, folgendes. Es gibt einfach Leute, die ausschließlich dann ein schönes Gesicht haben, wenn ihr Mund geschlossen ist. Ich persönlich glaube, dass auch ich dazugehöre, allerdings sage ich zumindest nicht Dinge wie „Boah, ey, 2Pac ist der Beste. Ganz klar.“. Komplett ernüchtert und zunehmend verzweifelt, wende ich mich daraufhin wieder Freundin 1 zu, während Freundin 2 sich mit Erenian unterhält. Ich glaube das war der absurde Name. Oder Enreas.

Die emotionale Situation zwischen Freundin 1 und Typ 3 spitzt sich zu, innige Blicke werden ausgetauscht und wäre ich Sebastian die Krabbe und das Leben ein Disney Film, würde ich um die beiden herumschleichen und „Küss sie doch!“ singen. Weinend. Während ich in den Atempausen auf meinen Haarspitzen rumkaue und manisch blinzle. Der mit Augenbrauenstift aufgemalte Penis, mit Glitzerkleber-Ejakulat, den ich künstlerisch versiert auf ihren Oberarm gekritzelt habe, macht die Situation nur noch intimer. Das ist einfach Liebe.

Ich habe es also geschafft, durch ein aufgezwungenes Gespräch, das nur zum Ziel hatte, sich Tupac-Thorsten klarzumachen, die einzige Person zu verkuppeln, die meine Leidensgenossin in diesem kalten, bitteren Winter werden sollte. Wie sehr mein Unterbewusstsein mir meinen Selbsthass vor Augen zu führen versucht, ist mittlerweile weit über den Punkt der absoluten Lächerlichkeit hinaus. Ich spiele jetzt Mass Effect 2 weiter. UND AUCH DA HABE ICH ES BISHER NICHT GESCHAFFT, IRGENDEIN CREWMITGLIED KLAR ZU MACHEN.

Sie haben keine Hornhautreibe? Fragen Sie doch Ihren behinderten Schwippschwager!

Hello.

Manchmal ist einen Blog zu unterhalten wie eine Schwangerschaft. Man ist ständig schlecht gelaunt, man schwört sich, weniger Alkohol zu trinken und mit dem Rauchen aufzuhören… Eigentlich ist mein komplettes Leben wie eine Schwangerschaft. Vergessen wir also diese unpassende Metapher und widmen uns wichtigerem. Der Gamescom. Ja, ist schon zwei Wochen her, fast, bald, ziemlich genau? Aber: sonst passiert nichts in meinem Leben und mit Menopause-artigen Stimmungsschwankungen und Gefühlsausbrüchen will ich euch ja nun auch nicht quälen. Zumindest nicht ausschließlich.

Wir, das umfasst die zauberhafte J. und ich, waren also in Köln zugegen und haben gearbeitet. Ja, haben wir wirklich. Wir waren in journalistischer Mission unterwegs und die Clean-Version unserer Erlebnisse könnt ihr HIER (http://www.rap.de/blogs/userblogs/entry/lisa-bloggt-live-und-direkt-von-der-gamescom) lesen. Die vollkommen willkürliche Groß- und Kleinschreibung resultiert übrigens aus einer wilden Kombination aus Dinge auf dem Handy tippen, per E-Mail weiterleiten und von anderen, ebenfalls sehr gestressten Leuten ins Blogsystem einpflegen lassen. Aber wir sind im Internet. Rechtschreibung und derlei Firlefanzereien interessieren da ja sowieso niemanden, außer sie haben im weitesten Sinne irgendetwas mit Tentakelsex zu tun. Highlight meines Live-Blogs ist zweifelsohne das schlechteste Handyvideo aller Zeiten, welches auf Youtube mit Sätzen wie „was soll der scheiß, alter“ bedacht wurde. Wäre ich nicht absolut kritikunfähig, würde ich sagen „Zu recht“, da ich es aber bin: HALT DIE FRESSE DU BEHINDERTES EURYTHMIEGESICHT UND SCHAB DEINER TRISOMIE-MUTTER WEITER MIT DEN ZÄHNEN DIE HORNHAUT VON DEN FÜSSEN! So.

Die Uncut- respektive Alkoholikers Cut-Version unseres fünftägigen Kölnaufenthalts gibt es in jedem Fall jetzt und hier.

Mittwoch:

Nach einer Odyssee des absoluten Grauens kamen wir irgendwann am Kölner Messegelände an und erhustleten uns eine weitere Presseakkreditierung. Wir wollten das bewusst nicht im Vorfeld klären, weil wir einfach die Jason Stathams des Akkreditierungs-Adrenalinrausches sind und zusätzlich dazu auch noch coldblooded motherfucker. J. war in den kommenden Tagen offizielle Mitarbeiterin von Ubisoft und machte TROTZDEM Fotos für rap.de. Diese Bildergalerie ist bisher zwar noch nicht online gegangen, wir sind aber frohen Mutes, dass dies noch passieren wird. Nach ersten beruflichen Terminen, die hier nicht weiter von Interesse sind, weil sie keine alkoholischen oder sexuellen Ausschweifungen enthalten, begaben wir uns erstmalig ins Hotel. Unser Hotel. Auf der Domplatte. In meinem ganzen Leben fühlte ich mich nicht so fancy und dieses Gefühl hielt in den kommenden Tagen auch dann noch an, wenn ich mich bestrumpft und schwankend als 100 Faces of Meth-Cosplayer durch die Lobby schleppte.

Die Abendgestaltung bestand aus einer allesistumsonst Game Release Party, namentlich der von Far Cry 3, und entgegen unserer Vorahnung waren wir absolut overdressed. Die folgenden Ereignisse kommen mir im Nachhinein etwas unzusammenhängend und mitunter auch absolut schwachsinnig vor, tatsächlich enthielten sie aber jede Menge Rum, dramatische Liebesgeschichten mit jeder Menge Leidenschaft, Kunstblut und Gewalt zwischen J. und einem österreichischen Brillenträger, den wir an dieser Stelle aus Anonymitätsgründen einfach nur „Toph“ nennen wollen, sowie viel langweiliger Musik. Spätestens als ich mit fünf Litern Kunstblut im Dekollete und ohne Schuhe im Regen stand und rauchte, war klar: Wir sollten jetzt vielleicht mal gehen. Folgendes Bild fasst den Abend vielleicht ganz gut zusammen:

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Donnerstag:

Restbetrunken auf Pressetermine gehen, bei denen einem neue Spiele vorgestellt werden, klingt spaßiger, als es ist. Wirklich. Am Abend waren wir dann allerdings wieder soweit auf dem Damm, dass wir es guten Gewissens auf uns nehmen konnten, noch mehr zu trinken und bis morgens, 7.30 Uhr, auf einer Parkbank vor einem Kölner LIDL-Discounter rumzuhängen. Stunden zuvor hatte ich mich bis aufs Blut mit einem Bekannten eines Bekannten von J. gestritten, kann aber beim besten Willen nicht rekonstruieren, wie es dazu kam. Bestimmt hatte er mich provoziert.

Freitag:

Ich habe schon jetzt keine Lust mehr, diesen Blogeintrag weiterzuführen und poste deshalb willkürlich Bilder. Was wir Freitag gemacht haben, könnt ihr dem rap.de-Artikel entnehmen, ihr faulen Schweine.

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Samstag:

Ein letztes Mal mit blutigen Füßen über die Messe stolpern. Sich von maskulinen Egoshooterboys Gratis-Shirts ergaunern und sich auf das große Abschlussbesäufnis am Sonystand freuen. Ein Auf und Ab der Gefühle, dass uns vollkommen entkräftete Zombies am Leben gehalten hat. Im verzweifelten Versuch das letzte bisschen Restseriösität nach Außen zu tragen, entschied ich mich beim Abendoutfit für einen halblangen Pullover – bei über 30 Grad Außentemperatur ein nahezu heroisches wenn nicht sogar komplett wahnsinniges Unterfangen. 15 Bier später tat ich dann das, was ich immer tue, wenn das flüssige Gold in Bächen fließt und ich ein bisschen gut gelaunt bin: mehr oder minder fremden Menschen Gespräche aufzwingen, Vorbeigehende beim Ausführen komplizierter und ausgefeilter Dancemoves ausversehen schlagen und als einzige Person im Umkreis von tausend Metern komplett ausrasten, wenn A Tribe Called Quest läuft.

Bringen wir das Ganze zu einem schnellen Ende: Es war schön. Es war anstrengend. Mein Hautbild ist komplett zerstört und ich wünsche mir eine erotische Liaison in Kunstblut.

Kame Hame Ha! (Ich hoffe das in irgendeinem autarken Kleinstaat als offizielle Verabschiedungsform zu etablieren.)

Mit Falco gegen die Gentrifizierung

Ich sitze in meiner stockdunklen Wohnung auf der Couch und versuche mich durch das Gucken von HerrTutorial-Youtubevideos umzubringen. „Warum?“ werdet ihr euch zu Recht fragen. Und natürlich werde ich euch diese Frage beantworten. Entgegen erster Mutmaßungen die mich via Flaschenpost aus meinem Eisfach erreicht haben, liegt es nicht daran, dass mir meine absurd ausgeprägten Nasolabialfalten erst jetzt aufgefallen sind. Stattdessen habe ich, wie ich es an vielen Sonntagen tue, meine Falco-Best Of CD in die Anlage geschmissen und sehr laut und euphorisch mitgesungen. Vielleicht war auch allgemeiner Weltschmerz in meiner Stimme. Tatsächlich klang ich aber, als hätte ich seit meiner Geburt nichts anderes als Whiskey zu mir genommen und wäre hauptberuflicher Cowboy (aber nicht so Brokeback Mountain mäßig. Mehr John Marston. Mit Narbe und übermenschlicher Coolness. Außerdem hätte ich ein Pferd namens „Ichi The Killer“. Aber das ist eine andere Geschichte).

Ich steppe also zu „Mutter, der Mann mit dem Koks ist da“ mit spektakulären Dancemoves und Whoopie Goldberg gleicher Stimme durch die Wohnung, als mein Blick auf das Fenster fällt. Das einzige Fenster in meinem Wohnzimmer Schrägstrich einzigem Zimmer. Das sehr weit offen stehende Fenster zum Hinterhof.

Meine Nachbarn haben schon sehr viel von mir gehört und gesehen. Sehr. Viel. Das wiederum beruht auf Gegenseitigkeit und ich werde nie den Moment vergessen, als mein Bruce Willis Nachbar nackt und mit Erektion in seinem flackernd beleuchteten Bad stand. Nichtsdestotrotz hatte ich bisher schon das Gefühl, dass ich im Hausflur immer nur sehr zurückhaltend gegrüßt werde und spätestens ab morgen dann wahrscheinlich auch gar nicht mehr. Ich erwarte mit zitternden Händen und hysterischem Lachen einen Brief meiner Hausverwaltung. Die Mieterhöhung lässt sowieso schon überraschend lange auf sich warten. HEY, GENTRIFIZIERUNG!

Abschließend binde ich nun Videos ein. Interviewvideos. Da sie sehr zeitlos sind, bin ich mir auch jetzt noch nicht zu schade, sie weiterhin jedem aufzudrängen. Und da ihr meinen Blog lest, seid ihr quasi selbst schuld. Ihr könnt euch revanchieren, in dem ihr Kommentare verfasst, in denen ihr euch darüber echauffiert, dass sich niemand für Brüste, Gewalt und Drogen interessiert und die gestellten Fragen somit die schlechtesten der Welt sind. Bitte tut es. Das sind nämlich die Dinge, die mich wirklich glücklich machen. Neben Falco. Und Ponies.

Ahoi.